Existiert in Tempelhof verschüttete Milch, ausgegossenes Grün oder schlicht eine Stadtbrache?
Der Geschäftsführer der Tempelhof Projekt GmbH, Gerhard W. Steindorf, klärt uns auf.

Liebe Tempelhof-Freunde, liebe Leser unseres Newsletters,
von Charlie Chaplin stammt die viel zitierte Lebensweisheit „Ein Tag, an dem man nicht lacht, ist ein verlorener Tag.“
Da offenbar der Geschäftsführer der Tempelhof Projekt GmbH, Gerhard W. Steindorf, seinen Beitrag zur Erheiterung der Berliner beisteuern wollte, strahlte das RBB-Inforadio am 25.11.11. den Beitrag „Die Pläne für das Tempelhofer Feld“ *) aus - mit O-Tönen für und wider die Bebauung Tempelhofs.
U. E. sind speziell die Äußerungen von Herrn Steindorf gegenüber dem RBB so bemerkenswert, dass sie über die Reichweite des Inforadios hinaus bekannt gemacht werden sollten, wozu wir hiermit gerne beitragen wollen.
Zu Beginn seiner Ausführungen sagt Steindorf über den geschlossenen Flughafen Tempelhof: „Es ist so ein bisschen wie ausgegossenes Grün in der Stadtlandschaft – ohne jede Fassung.“ Bei so viel Lyrik wird einem richtig warm ums Herz.
Diese Wortspielerei dient Steindorf jedoch nur dazu, der vermeintlichen Notwendigkeit einer Bebauung Tempelhofs das Wort zu reden. Dem Anwohner Lothar Köster bleibt es dann überlassen, dagegen zu halten.
Wir stellen fest, dass es nun unbestreitbar ist, dass Klaus Wowereit sowohl die Flughafenbefürworter als auch die Flughafengegner hinter die Tanne geführt hat – mit einschneidenden Folgen für die gesamte Stadt.
Daher ist es sinnvoll die 2008 von Klaus Wowereit genannten Gründe f. d. Schließung des Flughafens Tempelhof mit der heutigen Realität abzugleichen. Wir konzentrieren uns auf drei Aspekte:
Vor der Schließung:
1. Kostenrisiko Flughafen Tempelhof
Ohne zu erwähnen, dass die vermeintlich untragbaren Betriebsverluste Tempelhofs nicht (!) aus dem Landeshaushalt beglichen werden mussten, wurde hier ein faktischer Zwang zur Schließung behauptet.
Nach der Schließung:
Inzwischen sind die Kosten des geschlossenen Flughafens (2008-2011: ca. 136 Mio. Euro) den vermeintlichen Betriebsverlusten des aktiven Flughafens (laut Wowereit 10 Mio. Euro/Jahr) mit Riesenschritten enteilt. Damit ist es jedoch nicht getan.
Während Kitas, Schulen, Universitäten und Bibliotheken berlinweit über Ausstattungsmängel klagen, soll auf dem Flughafen Tempelhof der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) für kreditfinanzierte 270 Mio. Euro errichtet werden - Geld, das bestehenden Einrichtungen fehlen wird. Sozial ist das nicht, vor allem weil eine Kostensteigerung auf 400 Mio. Euro und mehr nicht ausgeschlossen werden kann.

Vor der Schließung:
2. Umweltrisiko Flughafen Tempelhof
Obwohl der aktive Flughafen Tempelhof unbestritten ein wichtiger Standort für seltene Tier- und Pflanzenarten war, wurde wider besseres Wissen behauptet, dass erst durch die Flughafenschließung die Chance einer Renaturierung gegeben wäre.
Nach der Schließung:
Durch Publikumsveranstaltungen und damit einhergehenden Maßnahmen (u. a. im Sommer 2009, vor der ersten Bread & Butter: Bodentiefe Abmähung der Wiesen während (!) der Schutzzeit der Bodenbrüter) hat sich der ökologische Standard des Geländes stark verschlechtert.
Diverse Freizeitaktivitäten (u.a. der Einsatz von Lenkdrachen) und der ungeregelte Publikumszufluss, haben den Bestand der letzten scheuen Tier- und Pflanzenarten mutmaßlich stark dezimiert. Repräsentativ für den geschlossenen Flughafen Tempelhof sind daher inzwischen die nicht so seltenen Nebelkrähen (lat.: Corvus corone cornix) geworden, die durch den Müll der „Park“-Besucher angezogen werden.
Vor der Schließung:
3. Ausschluss jeder Bebauung des Flughafens
Wegen der mikroklimatischen Bedeutung der Freifläche für das gesamte Berliner Stadtgebiet und der vermeintlichen Notwendigkeit einen weiteren Park zu errichten, wurde den Berlinern erzählt, dass der aktive Flughafen Tempelhof geschlossen werden muss, um diese Funktionen zu stärken oder sie erst zu ermöglichen.
Nach der Schließung:
Jetzt gilt inhaltlich und finanziell das Motto „Anything Goes“. Die landeseigene Tempelhof Projekt GmbH kann offensichtlich aus dem vollen, aber hochdefizitären Landeshaushalt, schöpfen - so viel sie will. Gesundheits-, Natur- und Milieu-Schutz sind mutmaßlich gänzlich unwichtig geworden.
Und die Behauptung, dass von Tempelhof eine rechtliche Gefährdung des BBI/BER ausgegangen wäre, wurde nach der Schließung nicht mehr wiederholt – sie war ja auch unwahr.
In der Anmoderation des Beitrags wird zudem erwähnt, dass das Gelände bis zur Eröffnung der Internationalen Gartenausstellung 2017 für die Bürger offen sein wird.
Seit der Flughafenschließung 2008 werden dann also 9 Jahre mit einem zweifelhaften Budenzauber jedweder Couleur vergangen sein. Die Kosten für diesen politisch gewollten Stillstand werden astronomisch hoch sein – auch nach 2017.
Angesichts dieses konzeptionellen und finanziellen Desasters weisen wir erneut darauf hin, dass die Gegensatzpaare Anwohner, Freizeit, Natur versus Flughafen nie existierten und die sonst so gern im Munde geführte Vernetzung vieler Nutzungsformen hier starrsinnig vertan wurde.
Über verschüttete/ausgelaufene Milch, sprich über vertane Chancen, lohnt es sich eigentlich nicht zu streiten. Die Verantwortlichen hierfür werden wir aber weiterhin beim Namen nennen, da es sich beim geschlossenen Flughafen Tempelhof offenkundig nicht um „ausgegossenes Grün“, sondern um eine mutwillig erzeugte Stadtbrache handelt.
Last but not least bleibt noch zu fragen, wo die vermeintlich so dringend benötigten Mustergräber hinkommen sollen, die im Siegerentwurf von Eelco Hooftman für Tempelhof vorgesehen waren? Wir sind gespannt auf die weiteren Aussagen von Herrn Steindorf.
Mit den besten Grüßen
Ihr Thema-Tempelhof Team
*) RBB-Inforadio Nahaufnahme, „Die Pläne für das Tempelhofer Feld“, 25.11.11, 09:45 Uhr
" ... Gerhard Steindorf: Es ist so ein bisschen wie ausgegossenes Grün in der Stadtlandschaft – ohne jede Fassung. Man sieht und hört die Autobahn von hier aus. Ich glaube, dieser Park kriegt noch mal eine andere Qualität, wenn er an den Rändern durch Bauten ergänzt wird – behutsam! – aber behutsame Bebauung an den Rändern führt auch dazu, dass der Park eine Fassung bekommt, so wie ein Edelstein eben auch eine Fassung hat.“
…und nicht das Tempelhof-Buch vergessen:
Bestellung: Der Fall (von) Tempelhof

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