Rückblick und Ausblick
Die Legendenbildung des Berliner Senats findet weitere Nachahmer.

Liebe Tempelhof-Freunde, liebe Leser unseres Newsletters,
nachdem wir zuletzt Fotos des Regierenden Bürgermeisters verwandt haben, bringen wir nun zwei Aufnahmen aus dem Berliner Stadtgebiet, die zeigen, dass der Flughafen Tempelhof nach wie vor nicht vergessen ist und die belegen, dass die politische Umfirmierung à la „Tempelhofer Freiheit“ von der Bevölkerung nicht angenommen wird.

Wie schon von uns berichtet, ist die Politik in Berlin bis auf weiteres zum Stillstand gekommen. Doch so lange Spree-Athen noch Kredite bekommt, wird die veröffentlichte Meinung dem kalauernden Politik-Ersatz des Klaus Wowereit wohl eilfertig applaudieren.
Einen weiteren Beleg dafür lieferte Klaus Wowereit, als er der Öffentlichkeit jüngst mitteilte: „Ich bin reich an Erfahrung, und Henkel ist sexy,“ (Focus 48/2011). Gemeint war Frank Henkel, der weitgehend unbekannte Spitzenkandidat der Berliner CDU und jetzige Berliner Innensenator. Im Koalitionsvertrag hatten SPD und CDU formuliert "Wir wollen, dass Berlin reicher wird, und sexy bleibt." und hatten damit das Wowereit-Zitat „Berlin ist arm, aber sexy.“ fortgeschrieben.
Im Einklang mit dieser mangelnden Ernsthaftigkeit wird der Wowereit-Senat auch die Realität des Luftverkehrssystems in Berlin weiterhin schön reden. Strukturelle Mängel des BBI/BER werden wider besseres Wissen bestritten werden und nicht verdeckbare Mängel des neuen Flughafens werden zu Anfangsschwierigkeiten herunter geredet werden.

Aber die Stunde der Wahrheit wird unweigerlich kommen – und zwar in den zentralen Punkten Anbindung an die lokalen Verkehrssysteme, Flughafenausstattung und Flughafenkapazität. In allen genannten Punkten wird es wesentliche Defizite geben.
Einige wenige Ausstattungsmängel des vermeintlich modernsten Flughafens Europas wollen wir hiermit konkret benennen:
• Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautete, wird es kein (!) Rollfeldüberwachungsradar mit digitaler Zuordnung der Flugzeugkennung geben, wie dieses auf Verkehrsflughäfen seit längerem Stand der Technik ist. Es gibt anstatt dessen nur eine allgemeine Radarüberwachung.
Die Bestellung der entsprechenden Technik wurde mutmaßlich vergessen.
Nach einschlägigen Aussagen sei ohne ein derartiges System bei Nebel oder starkem Regen ein sicherer, reibungsloser Betrieb nur mit erheblichen Einschränkungen möglich, zumal sich bei Eröffnung von BBI/BER für Lotsen und Piloten neue Verkehrsabläufe auf ungewohntem Terrain ergeben und BBI/BER aus Kostengründen mit weniger Rollwegen ausgestattet wurde als z. B. München, dessen Layout sonst immer gerne als Vorbild angeführt wird.
• Fahrzeugkolonnen mit VIPs der höchsten Schutzklasse A1 dürfen angeblich nicht durch den Autobahntunnel fahren, das bereitet den Sicherheitsdiensten dem Vernehmen nach Kopfzerbrechen. Da die Autobahn zwischen Tempelhof und Schönefeld damit ausfällt, steht als Alternative nur der permanent zugestaute T-Damm zur Verfügung - aber das Kanzleramt kann ja einen Helikopter nutzen.
• General Aviation Terminal (GAT), Terminal f. d. Geschäftsflieger: Dieses Terminal darf vermeintlich wegen des im Norden geplanten Regierungsterminals für € 310 Mio. Euro nicht auf den Nordteil, wo eine optimale Verkehrsanbindung bestünde. Wegen der derzeitigen GAT-Betriebsflächen können momentan die Parallelrollwege zum östlichen Anfang der Nordbahn nicht weitergebaut werden, d. h. das GAT wird weg müssen bzw. es wird weiter verkleinert werden müssen.
• Das "ILA-Gelände" im Südwesten (Selchow): Laut der Aussage von Insidern darf als Zugeständnis an die Anwohner (Baugenehmigung/Lärmschutz) der zum ILA-Gelände führende Parallelrollweg der Südbahn nur während der ILA benutzt werden und soll ansonsten gesperrt werden.
Auf modernen Verkehrsflughäfen heutzutage üblich und erforderlich sind zwei Parallelrollwege pro Piste (siehe München). Am BBI/BER führt diese zweite durchgehende Rollspur weder im Norden (GAT im Weg), noch im Süden (ILA-Anwohnerschutz), bis zum entsprechenden Pistenanfang. Ein für einen Neubau ist das ein unfassbares Verkehrshindernis.
Wir sind gespannt auf die Erklärungsversuche des Berliner Senats.
Die Legendenbildung des Berliner Senats findet nicht unerwartet weitere Nachahmer.
Auch auf die Gefahr hin, zum Abverkauf eines fehlerhaften und polemischen Buchtitels über Tempelhof beizutragen, wollen wir die Neuerscheinung „Tempelhof“ von Antonia Meiners besprechen.
Die Autorin übernimmt in ihrem Werk komplett die Diktion Wowereits und ergänzt diese Parteilichkeit zudem noch mit einer blamablen Inkompetenz. Jede Möglichkeit, die Tempelhofbefürworter in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen, wird hier wahrgenommen. Und die Gesamtkosten des geschlossenen (!) Flughafens Tempelhof werden mit keinem einzigen Wort erwähnt.
Meiners spricht u.a. davon, dass es beim Tempelhof-Volksentscheid nur eine Wahlbeteiligung von 21,7% gegeben hätte, obwohl 25% erforderlich gewesen wären. Tatsächlich lag die Wahlbeteiligung, also die Summe von Pro- und Contra-Stimmen, jedoch bei 36,1%. Und 21,7% der Wahlberechtigten stimmten mit Ja.
Bei den Europawahlen 2009 wurde in Berlin übrigens eine Wahlbeteiligung von tatsächlich nur (!) 35,1% erzielt, obwohl dieser Termin vom Staat und von zahlreichen Parteien beworben wurde.
Zu kritisieren ist außerdem, dass weder die rechtlichen, noch die politischen Aspekte der Auseinandersetzung gewürdigt werden und dann schlussendlich behauptet wird, dass der Flughafen Tempelhof seit seiner Schließung zum größten Park Berlins geworden sei. Kein Wort auch über die mögliche Ergänzungsfunktion des aktiven Flughafens Tempelhof für den neuen Flughafen BBI/BER, die leichtfertig vergeben wurde.
Und unter Berliner Politikern versteht die Autorin offensichtlich allein Vertreter von SPD und den Grünen, da nur diese genannt werden.
Besonders beschämend ist ein ganzseitiges Foto auf S. 101, das ein scheinbar bewaldetes Areal zeigt und damit wohl als repräsentativ für den „Park“ gelten soll – wobei es sich tatsächlich um den einzigen baumbestandenen (Rand)Bereich des Geländes handelt.
Und die Fertigungstiefe, sprich der Eigenanteil, der Autorin am gesamten Machwerk ist denkbar gering. Viele Inhalte in Wort und Bild des Meiners-Titels erinnern einen sehr an die einschlägigen Senatsbroschüren zu Tempelhof. Offensichtlich wurde großzügig Bild- und Textmaterial aus den diversen Planungs-Wettbewerben für diese vermeintlich eigenständige Veröffentlichung verwandt. Man ist versucht zu sagen: „Buntes Papier schlägt die Realität.“
Bedauerlich ist außerdem, dass dieses senatsfromme Buch in einem angesehenen Berlin-Verlag erschienen ist. Die 1713 von Christoph Gottlieb Nicolai in Berlin gegründete Nicolaische Verlagsbuchhandlung war immer den Idealen der Aufklärung und der Wissensvermittlung verpflichtet. Beiden Grundsätzen entspricht der kommentierte Buchtitel in keiner Weise und ein Weihnachtsgeschenk kann so eine PR-Broschüre auch nicht sein.
Wer sich für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Tempelhofs interessiert, sollte u. E. auf andere Titel zurückgreifen – und wer einseitig über den Senatsstandpunkt informiert werden will, ist mit einem Gratis-Flyer des Stadtentwicklungssenats bestens bedient.
Wir wünschen allen unseren Lesern einen besinnlichen Advent und eine frohe Weihnachtszeit.
Mit den besten Grüßen
Ihr Thema-Tempelhof Team
P. S.
Am 03.12.11 wurde die Berliner Deutschlandhalle (Neu- bzw. Wiederaufbau 1957) gesprengt. Welt Online titelte daraufhin: „NS-Prestigebau braucht drei Sekunden für sein Ende.“ Uns war bis dahin gänzlich unbekannt, dass die Nazis bis 1957 an der Macht waren.
Ganz im Ernst: Ein weiteres Stück West-Berlin ist hiermit der Basta-Politik Wowereits zum Opfer gefallen.
…und nicht das Tempelhof-Buch vergessen:
Bestellung: Der Fall (von) Tempelhof

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Der Newsletter „Das Thema Tempelhof“ - die Fachinformation zum Flughafen Tempelhof und zum Flughafensystem der Region Berlin-Brandenburg, wird herausgegeben vom Verein „Das Thema Tempelhof e.V.“
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