Tempelhof – Traum von grenzenloser Freiheit?
Eine Diskussionsveranstaltung des Bundes Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure (BDB) e.V.

Liebe Tempelhof-Freunde, liebe Leser unseres Newsletters,
in Sao Paulo ist eben wieder ein Sack Kaffeebohnen umgefallen, in Peking in der gleichen Zeitspanne mindestens ein Fahrrad – und in Berlin wird weiter über die „Nachnutzung“ des mutwillig geschlossenen Flughafens Tempelhof „diskutiert“.
Dieses Ritual hat in der erstarrten Berliner Landespolitik seinen festen Platz, Aktionismus wird mit Substanz gleichgesetzt. Regelmäßig werden hier „Zukunftsvisionen“ beschworen, auf die das Helmut Schmidt-Bonmot "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." wie die Faust aufs Auge passt.
An dieser Feststellung ändert auch eine prominente, personelle Verstärkung der Tempelhof-Visionäre - oder sollte man eher von Tempelhof-Ideologen sprechen? - nichts.
Am 19.01.12 lud nun der BDB-Landesverband Berlin zu einer weiteren Podiumsdiskussion in dieser Endlosreihe ein, die den Titel „Tempelhof - Traum von grenzenloser Freiheit?“ trug. Die Veranstaltung krankte jedoch an ihren ideologischen Prämissen und an den krampfhaften Versuchen Tempelhof umzudeuten.
Vorab hatte Florian Mausbach, Stadtplaner, ehem. Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung und Autor diverser Presseartikel über die „Nachnutzung“ von Tempelhof und Tegel, mit seinem aktuellen Artikel „Berlin hebt ab“ (Der Tagesspiegel 19.01.12) Aufsehen erregt.
Mausbach gefällt sich hier in dröhnenden Formulierungen, die sich gegenseitig überbieten und denen kein inhaltlicher Superlativ zu schade ist: „Nach zwei Jahrzehnten Wiederaufbau als Bundeshauptstadt und Überwindung der Teilung erwarten die Stadt jetzt Jahre und Jahrzehnte wirtschaftlicher Entfaltung und städtebaulicher Neugestaltung, so dass Berlin seiner Bestimmung als Metropole gerecht werden kann.“
Das ist angesichts einer wechselhaften Stadtgeschichte von fast 775 Jahren eine geradezu lächerliche und prahlerische Aussage.
Mausbach kündigt uns also herrliche Zeiten an und fährt mit dem Hinweis auf den Filmschauspieler Harrison Ford fort, der sich begeistert über die komplexe Geschichte Berlins geäußert habe. Was würde Harrison Ford wohl zu der politisch bestimmten Schließung des Flughafens Tempelhof sagen?
Mit den folgenden Ausführungen outet sich Mausbach schließlich als Tempelhof-Ideologe reinsten Wassers, der um keine Plattitüde verlegen ist:
„Mitten in der Stadt, einmalig in der Welt der Metropolen, bietet das grüne Flugfeld mit seinen Betonpisten heute eine fantastische Spielwiese, ein Übungsfeld multikultureller Integration und eine neue Form friedlichanarchischer Aneignung eines großstädtischen Raums. Die Berliner, die in einem revolutionären Akt vom Flugfeld Besitz ergriffen haben, werden sich die Tempelhofer Freiheit nicht wieder nehmen lassen.“
Nachdem der Chef der landeseigenen Tempelhof Projekt GmbH, Gerhard Steindorf, vor kurzem bizarrerweise Tempelhof als „ausgegossenes Grün in der Stadtlandschaft“ bezeichnet hatte, assistiert jetzt also Mausbach mit dem Begriff des „grünen Flugfelds“. Der Berliner Senat hat somit in der Person von Florian Mausbach seinen Hohen Priester für seine Tempelhof-Kampagne gefunden.
Passend zu dieser politischen Lyrik des Florian Mausbach antwortete die Berliner CDU vor kurzem auf die Zuschrift eines empörten Berliners, der gegen den geplanten Bibliotheksbau protestiert hatte, wie folgt: „Der Bau einer Landesbibliothek am Rande des Geländes wird die unkontrollierte Bebauung sogar eher verhindern und die Nutzung der ehemaligen Flughafengebäude für zukünftige Investoren sogar attraktiver machen.“
Mausbach lässt sich auch hier nicht lumpen und wartet mit dem Begriff „Metropolenbibliothek in Tempelhof“ auf. Der geneigte Beobachter fragt sich, was denn eine „Metropolenbibliothek“ sein soll und ob Berlin, dessen öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken weltweit hohes Ansehen genießen, tatsächlich eine Flughafenbibliothek braucht.
Und „nur“ 270, tatsächlich aber wohl eher 400, Mio. Euro soll dieses Sperrwerk kosten, für das wir schon jetzt den Namen „Klaus-Wowereit-Gedenkbibliothek“ vorschlagen, dessen Zweck allein durch seinen Standort bestimmt sein würde, der genau zwischen den Runways liegen soll.
Das sogenannte „Quartier Wissen und Bildung“ würde dann einschließlich dieses Objekts tatsächlich für das genaue Gegenteil dessen stehen, was diese Einrichtungen üblicherweise vermitteln, da mit diesem Bau allein die Ignoranz und der Zynismus der Politischen Klasse in Berlin repräsentiert werden würde. Die Schließung Tempelhofs insgesamt wird daher für immer ein Fanal der Technikfeindlichkeit und der Ideologiegetriebenheit bleiben.
Und die ausnahmsweise sinnvolle Forderung von Mausbach nach einem Alliierten- sowie einem Luft- und Raumfahrtmuseum in Tempelhof, muss wohl angesichts der Denunzierung des aktiven Flughafens Tempelhof als illusorisch bezeichnet werden.
Der Alptraum vom Dorf in der Stadt hat jedenfalls in Tempelhof sein wahres Gesicht gezeigt, indem die selbstverständliche Verbindung von Stadt und Verkehrsinfrastruktur von den Flughafengegnern als unüberbrückbarer Gegensatz bezeichnet und als Begründung für die Flughafenschließung behauptet wurde.
Und was würde der Berliner Verkehrsstadtrat Dr. Leonard Adler wohl zu dem aktuellen Geschehen sagen, der in einem wahrhaft revolutionären Akt 1923 für Berlin und für seine Menschen den „Zentralflughafen Tempelhof“ durchsetzte – übrigens als der ersten zivilen Einrichtung nach 200 Jahren der militärischer Nutzung unter dem Namen „Tempelhofer Feld“.
Der Berliner Senat kann sich jedenfalls glücklich schätzen Florian Mausbach auf seiner Seite zu haben. Haben aber auch beide die Wahrhaftigkeit auf ihrer Seite?
Von Mausbach stammt der Artikel „Freiheit für Tempelhof!“, indem er sich gegen einen Ort der Beliebigkeit und für eine authentische Nutzung von Tempelhof ausspricht.
Angesichts seiner aktuellen Ausführungen kann man Tempelhof nur eins wünschen, nämlich die Freiheit von den oben beschriebenen Mausbachschen Visionen, die einen fassungslos zurücklassen.
Mit den besten Grüßen
Ihr Thema-Tempelhof Team
P. S.
Die von uns im letzten Newsletter angesprochene sogenannte Mahnaktion der Dr. Berner Insolvenzverwaltung über vermeintlich ausstehende Icat–Mitgliedsbeiträge für die Jahre 2008-2010, hat zahlreiche Zuschriften ausgelöst, die den von uns beschriebenen Sachverhalt bestätigt haben.
In diesem Zusammenhang möchten wir erneut darauf hinweisen, dass entsprechende Forderungen üblicherweise mit exakten, individuellen Daten belegt werden und dass pauschale Angaben und eine Beweisumkehr zu Lasten des vermeintlichen Beitragsschuldners dem nicht entsprechen.

Schmierereien in Tempelhof: Berlin-Besucher versicherten uns, dass Vergleichbares in Frankfurt a. M., wo das zweite Luftbrückendenkmal steht, nicht denkbar wäre.
…und nicht das Tempelhof-Buch vergessen:
Bestellung: Der Fall (von) Tempelhof
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Der Newsletter „Das Thema Tempelhof“ - die Fachinformation zum Flughafen Tempelhof und zum Flughafensystem der Region Berlin-Brandenburg, wird herausgegeben vom Verein „Das Thema Tempelhof e.V.“
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