Tempelhof – preußisch gesehen.
Was hätte der Alte Fritz zur sogenannten „Tempelhofer Freiheit“ gesagt?

Liebe Tempelhof-Freunde, liebe Leser unseres Newsletters,
in diesen Tagen wurde der 300. Geburtstag von Friedrich II. von Preußen, Friedrich dem Großen, sprich vom Alten Fritz, gefeiert.
In seinen besten Momenten war der Alte Fritz ein Pragmatiker reinsten Wassers und der Preußische Staat war nicht die vielgeschmähte Kriegsmaschinerie, sondern ein moderner Staat mit einer unabhängigen Verwaltung und Justiz.
Wie schneidet nun die Berliner Landespolitik im Vergleich mit dem preußischen Pragmatismus ab? Da unser Berichtsthema der Flughafen Tempelhof und das hiesige Flughafensystem ist, möchten wir die Überlegung anstellen, wie der Alte Fritz wohl die Relation von Pragmatismus und Ideologie im Zusammenhang mit der Schließung des Flughafens Tempelhof bewertet hätte.
Der Flughafen Tempelhof wurde geschlossen und zum „Park“, zur „Tempelhofer Freiheit“, umgedeutet. Aus ehemals 6 Start- und Landebahnen (Tempelhof, Tegel, Schönefeld) werden nun demnächst 2 Runways werden, die durch eine Nachtflugsperre und durch eine Begrenzung der Flugbewegungen in ihrer Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt sein werden. Massive strukturelle Schwächen des neuen Flughafens in puncto Ausstattung und Anbindung an die Nahverkehrssysteme runden das negative Gesamtbild ab.
Hätte der Alte Fritz diesen Sieg der Ideologie über den Pragmatismus, der hier allein ein funktionierendes Flughafensystem zum Ziel hätte haben können, gut geheißen? Wohl kaum.
Von diesen Tatsachen vollkommen unbeeindruckt läuft nun die Rechtfertigungsmaschinerie des Berliner Senats, angesichts des näher rückenden Eröffnungstermins des BBI am 03.06.12 - des vermeintlich modernsten Flughafens Europas - auf Hochtouren, wobei die Grenzen zwischen PR und Politik, zwischen veröffentlichter Meinung und öffentlicher Meinung kaum mehr zu erkennen sind.
Und wenn Katrin Lompscher (Die Linke), 2006 bis 2011 Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, das Wort ergreift und behauptet, dass die Bevölkerung den „Park“ in Tempelhof bejahen würde, dann weht mehr als nur ein Hauch von DDR durch das freie Berlin und man fühlt sich an den SED-Ideologen Karl-Eduard von Schnitzler erinnert, der bis 1989 den Ostdeutschen via DDR-Fernsehen mit Hilfe seines Propagandamagazins "Der schwarze Kanal" die Bundesrepublik „erklärte“.
Und was hätte der Alte Fritz zur offenen und latenten Technik- und Wirtschaftsfeindlichkeit gesagt, die bei der Anti-Tempelhofkampagne nicht zu übersehen war. Friedrich, der ins strukturschwache Brandenburg Handwerker aus Holland holte und der auch bei den hugenotteschen Glaubensflüchtlingen nie vergaß nach deren Qualifikation zu fragen, hätte wohl über das Verhalten des Berliner Senats nur den Kopf geschüttelt, der einen potentiellen Tempelhof-Investor als „reichen Onkel aus Amerika“ schmähte.
Der Alte Fritz hätte auch keine knappen Steuermittel für eine Bibliothek verwendet, die keinen Bildungsauftrag haben würde, sondern allein vollendete Tatsachen zu schaffen hätte. Klaus Wowereit plant hingegen in Tempelhof einen Bibliotheksbau genau zwischen den ehemaligen Runways.
Und auch das bekannte Bonmot „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ hätte die Freizeitsportler auf dem Flughafen Tempelhof und damit den Vorrang von Eigennutz vor Gemeinnutz nicht gerechtfertigt.
Insgesamt muss man zu dem Schluss kommen, dass der preußische Pragmatismus der Berlin Landespolitik vollkommen abhanden gekommen ist und die ideologische Umdeutung der Realität hier ihre Triumphe feiert, auch und gerade im Hinblick auf das hiesige Flughafensystem.
Und wenn schon die Weisheit der Regierenden offenkundig sehr begrenzt ist, so ist der preußische Pragmatismus bei den Regierten nach wie vor anzutreffen. Laut einer Umfrage von Forsa, die im Auftrag der Berliner Zeitung (27.01.12) angefertigt wurde, sagen nämlich 50% der Berliner zum neuen Single-Airport BBI „Nein, danke!“ und sprechen sich für das ehemals bestehende Multi-Airport-Konzept (Tempelhof, Tegel und Schönefeld) aus.
Mit den besten Grüßen
Ihr Thema-Tempelhof Team
…und nicht das Tempelhof-Buch vergessen:
Bestellung: Der Fall (von) Tempelhof

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